"nimm Abschied und gesunde" ...

 

 

Nein, heute noch nicht. Morgen ist kalendarischer Sommeranfang. Aber was macht dieses vom Menschen erfundene Raster schon für einen Unterschied. Es hält mich höchstens davon ab, den Moment zu erspüren. Besonders morgens früh ist es eine so bereichernde Erfahrung, einfach dazustehen, die Augen zu schliessen und wahrzunehmen, wie sich die Luft anfühlt, aus welcher Richtung der Wind kommt, wie es duftet, wie die Vögel schon zwitschern ... Dann kann ich ihn fühlen, den Sommer  : )

In der Natur ist alles dem ständigen Wandel unterworfen und meine Blütenschönheiten des Frühsommers geben sich nun ganz der Veränderung hin ...

Sehr selbst, wie sie, auch in ihren Farbnuancen, immer mehr eins werden mit dem Universum.

Die Zeit der Selbstdarstellung in bunten Farben ist vorüber. Nur hier und da noch ein sanfter Farbtupfer

zwischen den Erdtönen.

Ich finde es wunderbar, mich diesem Anblick hinzugeben und die Lieblichkeit und Anmut in dieser Entwicklungsstufe zu erkennen. Sie sind nicht minder schön, Liebreiz und Anmut haben nur eine andere Qualität bekommen. Wie wichtig auch diese Erkenntnis für den menschlichen Alterungsprozess ...

Und der warme Sommerwind wiegt die Gräser und übernimmt ganz selbstverständlich die Aussaat für die nächste Generation.

 

Wieder kommen mir die Worte von Hermann Hesse in seinem Jahrhunderwerk "Stufen" in den Sinn.

Oft schon nutzte ich dieses Gedicht, um Menschen einen Neuanfang zu versüßen und die Chance erkennen zu lassen, die immer darin verborgen liegt. Denn genau dieser Zauber ist es, "der uns beschützt und der uns hilft zu leben".

Aber es kann in so vielen Lebenssituationen der Unterstützung dienen, denn immer wieder durchschreiten wir Räume im Sinne von Entwicklungsschritten und immer wieder braucht es den Mut und die Tapferkeit, die Veränderungen anzunehmen. Das "Loslassen" können, auch heute noch und gerade wieder in aller Munde. Nichts anderes sagt schon Hesse "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!" Das HERZ ... denn nur der Verstand kann es nicht ausrichten ...

Das Gedicht begleitet mich schon lange und doch scheint es mir immer wieder neu und unverbraucht, das gelingt nicht vielen Werken. Es sind Zeilen für die Ewigkeit voller Weisheit und Größe.

 

 

 

Stufen

Hermann Hesse

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

dem Ater weicht, blüht jede Lebensstufe,

blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen,

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise,

und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

 

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

uns neuen Räumen jung entgegensenden,

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Laura (Mittwoch, 22 Juni 2016 14:50)

    Ich liebe dieses Gedicht, wie so einiges von Hesse. Allerdings kenne ich auch kein Gedicht, das so viel von einem verlangt und einem mit leichten, wundervollen, stellenweise fast heiteren Worten eine so schwere Aufgabe stellt. Ich glaube, das war auch eine seiner Absichten damit und ich bewundere es immer wieder, wie virtuos manche (wenige) Dichter mit Sprache diese manchmal auch zwiespältigen Stimmungen erzeugen können.

  • #2

    Solvana (Mittwoch, 22 Juni 2016 15:11)

    Vielen, vielen Dank liebe Laura für Deine so tief empfundenen Worte und daß Du Deine Emotionen mit uns teilst. Schöner hätte man es nicht ausdrücken können.
    Sonnigste Valongogrüsse in den hohen Norden nach Hamburg und weiterhin gute Besserung!

 

"Sag Deinem Herzen, daß die Angst

des Leidens größer ist,

als das Leiden selbst.

Und kein Herz hat jemals

gelitten, wenn es sich

auf die Suche 

nach seinen Träumen

gemacht hat."

 

 Paulo Coelho

 

 

 

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